Quedlinburg
Die Stadt mit dem Saatgut Know how
Hier in dieser kleinen Stadt am Rand des Harzer Vorlands scheint die Zeit still zu stehen. Jedes einzelne der unzähligen Fachwerkhäuser erzählt seine eigene Geschichte, jedes Fenster, jeder Balken. Die verwinkelten Gassen mit dem uralten Kopfsteinpflaster, das Renaissance-Rathaus und oberhalb der rotziegeligen Dächer die erhabenen Gemäuer vom Schloss – kein Wunder, dass Quedlinburg ein UNESCO-Weltkulturerbe ist.
Aber der erste Eindruck täuscht: Denn dieses Städtchen träumt nicht verschlafen und malerisch seinen alten Zeiten hinterher, es ist, und das wird nicht auf den ersten Blick deutlich, eine der größten Metropolen des Landes, eine Hauptstadt, man könnte fast sagen: Die Hauptstadt. Quedlinburg ist seit über 250 Jahren der wichtigste Ort in Deutschland und inzwischen schon längst auch europaweit in der Entwicklung von Saatgut. Die Beschaulichkeit der kleinen Altstadt täuscht schnell darüber hinweg: Sie ist einer der wichtigsten Standorte für die Forschung, Züchtung und Produktion von Samen aller Art.
Die Anfänge hierfür liegen bereits weit zurück. Auf dem Schloss, das schon lange vor der Stadt existierte, residierten die deutschen Könige und Kaiser – und dank der guten klimatischen Bedingungen und einer ausgesprochenen geologischen Bodenvielfalt entwickelte sich der Gemüseanbau im Abteigarten schnell weiter und belieferte sehr bald auch die umliegende Region. Nach der Aufhebung des Flurzwangs im Jahr 1772 konnten Gärtner und Bauern Flurstücke in und um Quedlinburg erwerben.


Einer der Pioniere aus dieser Zeit war Heinrich Mette. Er begann mit dem Anbau von Zichorien und Ölpflanzen und spezialisierte sich dann im Laufe der Zeit auf die Vermehrung und Verbesserung von Blumensamen, was damals noch höchst unüblich war. Gehandelt wurde ausschließlich mit Jungpflanzen. In seinen Gewächshäusern züchtete Mette exotische Pflanzen wie Jasmin, Johannisbrot, Lorbeer, Oleander, Orangen, Pomeranzen und Zitronen. Das Saatgut-Unternehmen, das sein Sohn schließlich gründete, blieb über mehrere Generationen an der Spitze der deutschen Saatzuchtwirtschaft bestehen.
Zur Blütezeit um 1930 existieren 50 Saatzuchtbetriebe in der Samenmetropole Quedlinburg. Die stetige Weiterentwicklung für Anbausorten machte das kleine idyllische Fachwerk-Städtchen im Harz schon bald international bekannt.
Das änderte sich auch 1945 mit der Enteignung der Saatgutbetriebe nicht. Trotz der Verstaatlichung blieb dem Standort seine Berufung erhalten und wurde sogar noch weiter ausgebaut: In Quedlinburg entstand die größte staatliche Saatgutanlage der DDR, die „Deutsche Saatgut Gesellschaft“ ( DSG), die nicht nur Produktion und Handel vorantrieb, sondern auch die Züchtungsforschung für Gemüse- und Blumensaaten ausbaute und modernisierte und nebenbei mehrere Tausend Menschen beschäftigte.


Die 1990 entwickelten sich aus den in der DDR geschaffenen Strukturen in Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft mehrere neue Unternehmen und Forschungseinrichtugen, die bis heute ihren Sitz in Quedlinburg haben: das Julius-Kühn Institut ( Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen), das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK), die satimex QUEDLINBURG GmbH, und die Josef Breun Morgenrot GmbH & Co. KG.