Was ist von Jahrhunderten Saatzuchtgeschichte geblieben? Mehr, als man nach zwei Zusammenbrüchen erwarten würde. Die Saatgutstadt Quedlinburg ist auch im 21. Jahrhundert lebendig – als Wissenschaftsstandort mit dem Julius Kühn-Institut an der Spitze und als Heimat einer ganzen Reihe von Saatgut-Betrieben. In diesem sechsten und letzten Teil unserer Reihe schauen wir auf den Neubeginn nach 1990 und auf die Firmen und Institute, die heute hier arbeiten.
Mit dem Ende der DDR begann die Auflösung der staatlichen Strukturen. Auf dem Weg in die Marktwirtschaft brachen wichtige Absatzmärkte weg, Institute und Betriebe wurden geschlossen, Tausende Wissenschaftler und Fachkräfte verloren ihre Arbeit. Doch Teile der vorhandenen Strukturen und des Fachpersonals bildeten häufig die Keimzellen für das, was neu entstand.
Vom Kombinat zum Julius Kühn-Institut
Das Volkseigene Kombinat wurde Anfang 1990 zunächst in die Deutsche Saatzucht AG umgewandelt. Nach dem Einigungsvertrag blieb dieser Holding nur noch eine Aufgabe: die Privatisierung ihrer Tochterbetriebe im Auftrag der Treuhand. Bis zum Jahr 2000 war das im Wesentlichen abgeschlossen.
Das Institut für Züchtungsforschung wurde nach einer Evaluierung zum 31. Dezember 1991 geschlossen. An seine Stelle trat 1992 die überregionale Bundesanstalt für Züchtungsforschung mit Hauptsitz in Quedlinburg. Deren Fachinstitute gingen ab 2008 in das neugegründete Julius Kühn-Institut – Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen (JKI) über, ebenfalls mit Hauptsitz in Quedlinburg.

Die beiden anderen Staatsbetriebe gingen unterschiedliche Wege. Das VEG „August Bebel“ wurde zerschlagen; seine Flächen und Speicher bewirtschaften heute verschiedene Landwirte, unter anderem mit Saatgutvermehrung. Der VEB Saat- und Pflanzgut wurde – gemeinsam mit der Gemüsezüchtung des Instituts und der Zuchtstation des VEG – zur Quedlinburger Saatgut GmbH. Diese verkaufte die Treuhand 1992 stark reduziert an die Schweizer Samen Mauser AG. Dem hoffnungsvollen Start folgte 1995 der Konkurs, danach mehrere Eigentümerwechsel und Aufsplittungen.

Die Saatgutstadt Quedlinburg heute
Aus diesen Umbrüchen entwickelte sich ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre die heutige Wissenschafts- und Firmenlandschaft. Im nahen Gatersleben forscht das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) und betreibt die bundeszentrale Ex-situ-Genbank. In Quedlinburg selbst sind unter anderem aktiv:
- Julius Kühn-Institut (Moorberg) – Ressortforschung des Bundes, Genbanken und Züchtungsforschung
- International Seeds Processing GmbH (Moorberg) – Züchtung und Handel bei Gemüse, Blumen und Kräutern
- florensis Quedlinburg GmbH (Unter der Altenburg) – Zuchteinrichtung eines der größten niederländischen Zierpflanzenbetriebe
- satimex QUEDLINBURG GmbH (Groß Orden) – Weltmarktführer bei großblumigen Astern, bedeutender Exporteur von Freilandgurken
- Josef Breun Morgenrot GmbH & Co. KG (Morgenrot) – Weizen- und Gerstezüchtung
- floraque Stauden & Zierpflanzen GmbH (Quarmbachweg) – 2017 von der Gartenland-Gruppe übernommen, die auch die Marken „Quedlinburger Saatgut“ und „Saatzucht Quedlinburg“ führt
- In Vitro Plant Service (Lindenstraße) – Vermehrung und Züchtung mit Schwerpunkt Orchideen
In diesen Instituten und Betrieben arbeiten inzwischen wieder Hunderte Menschen aus Quedlinburg und Umgebung – manche sind der Arbeit wegen sogar aus dem Ausland gekommen. Die Saatzuchttradition ist also keineswegs Vergangenheit.
Eine Tradition, die weitergeht
Mehr über die heutige Forschung erfährst du direkt beim Julius Kühn-Institut und beim Leibniz-Institut IPK Gatersleben.
Als junges Saatgut-Unternehmen aus Quedlinburg reihen wir uns bei gutmut saatgut bewusst in diese Geschichte ein. Wir arbeiten mit Cannabissamen für den legalen Eigenanbau in Deutschland – ein neues Kapitel in einer Stadt, deren Boden seit Jahrhunderten von Saatgut lebt. Die Pflanze ist eine andere als zu Dippes Zeiten, das Handwerk dahinter ist dasselbe: gute Samen, sorgfältig vermehrt, ehrlich verkauft.
Damit endet unsere Reihe. Wenn du sie noch einmal von vorn lesen willst, beginne mit Teil 1: Spurensuche in der Samenstadt.
Quelle: Wanderausstellung der IG Saatguttradition im Kultur- und Heimatverein Quedlinburg e.V. (Autor: Dr. Rolf Bielau †, Mai 2023).

