Heinrich Mette und die Wurzeln der Quedlinburger Saatzucht

Die Wurzeln der Quedlinburger Saatzucht reichen weiter zurück, als die meisten vermuten – bis in das 10. Jahrhundert. Damals verlangte der Königshof und das Reichsstift eine repräsentative Hofhaltung, und die wollte versorgt sein: mit Gemüse, Kräutern und Blumen. Angebaut wurde all das in den Stiftsgärten unterhalb des Burgberges. Wer dort gärtnerte, musste die Sämereien vermehren und bevorraten. Genau hier beginnt die Geschichte, die ein gutes Jahrtausend später Pioniere wie Heinrich Mette zum Gewerbe formten.

Dieser zweite Teil unserer Reihe erzählt, wie aus klösterlichen Gärten über Jahrhunderte ein eigener Wirtschaftszweig wurde – und wer die Pioniere waren.

Vom Stiftsgarten auf die Felder

Günstiges Klima, verschiedenartige Böden und die Weitergabe gärtnerischer Erfahrung von Generation zu Generation – das war der fruchtbare Boden für Gartenbau und Samenproduktion. Mit der Zeit wuchs der Anbau über die Stiftsgärten hinaus auf die Felder außerhalb der Stadt. Um 1750 umfasste die Quedlinburger Feldflur rund 11.000 Felder auf etwa 6.000 Hektar.

Zwei Ereignisse beschleunigten dann die Entwicklung: die frühe Aufhebung des Flurzwangs 1772 und der Niedergang des Stiftes, das 1802/03 aufgelöst wurde. Beides erleichterte den Flächenverkauf. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden Kunst- und Handelsgärtnereien – und zeitgleich begann sich die systematische Pflanzenzüchtung zu entwickeln.

Dass ausgerechnet Quedlinburg zum Zentrum wurde, war kein Zufall. Drei Faktoren kamen zusammen: ein mildes Klima im Regenschatten des Harzes, sehr unterschiedliche Böden auf engem Raum – ideal, um Sorten unter verschiedenen Bedingungen zu prüfen – und gärtnerisches Wissen, das über Generationen weitergegeben wurde. Auf diesem Fundament konnte aus dem Selbstversorgergarten ein exportfähiges Gewerbe werden.

Porträt von J. P. C. Heinrich Mette (1735–1806), Begründer des Quedlinburger Samenbaus
J. P. C. Heinrich Mette (1735–1806) gründete in den 1770er Jahren einen der ersten Samenbaubetriebe der Stadt.

Heinrich Mette und die Pioniere der Quedlinburger Samenzucht (1770–1830)

Als Pioniere der Quedlinburger Saatgutwirtschaft gelten einige Familienunternehmen, deren Jahreszahlen je nach Quelle leicht abweichen:

  • J. P. C. Heinrich Mette (1735–1806) begann in den 1770er Jahren mit einem gärtnerischen Betrieb im Westendorf, aus dem sich eine „Samenbauhandlung“ entwickelte. Sein Sohn Johann Heinrich Andreas Mette (1801–1869) nahm um 1825 als einer der Ersten in Deutschland die Zuckerrunkelrüben-Züchtung auf und machte die Firma zur zweitgrößten in Quedlinburg.
  • Samuel Lorenz Ziemann (1772–1845) startete wahrscheinlich 1788 in der väterlichen Gärtnerei mit Samenhandel und Züchtung, ab 1827 im Abteigarten. Die Erben führten den Betrieb später als Samenzucht Carl Sperling fort.
  • Martin Jakob Grashoff (1797–1866) ging wie schon sein Vater vom Gemüsegärtner schrittweise zur Samenzüchterei über. 1825 lag seine Saatgutwirtschaft in der Langen Gasse, die Züchtung im Probsteigarten – dem heutigen Wordgarten. Nach seinem Tod übernahm die Familie Grußdorf.
  • Zu den ältesten nachgewiesenen Samenzüchtern gehörten außerdem die Familien Kettenbeil und Rögner.
Werbeplakat für Heinr. Mette's Schloßsaat, Samenzüchterei Quedlinburg
Die Marke „Schloßsaat“ von Heinrich Mette – die Schutzmarke verweist auf das Gründungsjahr 1784.

Der Rübensamen macht den Anfang zum Boom

Etwa zeitgleich entstand mit Zier & Hanewald im Badeborner Weg die erste funktionsfähige Zuckerfabrik im preußischen Regierungsbezirk Magdeburg – ab 1834. Damit setzte eine stürmische Entwicklung ein: erst die Runkel-, dann die Zuckerrübenzüchtung, und ein weltweiter Handel mit dem Rübensamen.

Die Firmen Keilholz, Mette, Dippe und Sachs begründeten ihre wirtschaftliche Stärke und ihren Reichtum mit Zuckerrübensamen. Mit der Flurbereinigung, der sogenannten Separation (abgeschlossen bis 1858), entstanden schließlich große Ackerschläge einheitlicher Bodenqualität – ideale Voraussetzungen für die Saatgutvermehrung im großen Stil.

Historischer Stich der Geschäftsgrundstücke der Firma Sam. Lor. Ziemann in Quedlinburg
Die Geschäftsgrundstücke der Firma Sam. Lor. Ziemann – ein Stich aus der Frühzeit des Quedlinburger Samenhandels.

So waren bis etwa 1830 die Grundsteine gelegt. Aus einer Handvoll gärtnerischer Familienbetriebe wurde der Kern einer künftigen Samenmetropole. Wie weit Quedlinburg es damit brachte, zeigt der nächste Teil.

Hofansicht der Firma Martin Grashoff in der Langen Gasse 12, Anfang 20. Jahrhundert
Der Hof der Firma Martin Grashoff in der Langen Gasse, Anfang des 20. Jahrhunderts.

Wer mehr über die Stadt und ihre Geschichte erfahren möchte, findet beim Kultur- und Heimatverein Quedlinburg weiterführende Informationen. Den großen Überblick über die Reihe gibt Teil 1: Spurensuche in der Samenstadt.


Weiter geht es mit Teil 3: Als Quedlinburg die Welt mit Samen versorgte.

Quelle: Wanderausstellung der IG Saatguttradition im Kultur- und Heimatverein Quedlinburg e.V. (Autor: Dr. Rolf Bielau †, Mai 2023). Lebens- und Firmendaten weichen je nach Quelle voneinander ab.

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