Die Saatgutwirtschaft der DDR machte Quedlinburg ein zweites Mal zu einem Zentrum von internationalem Format. Was die enteigneten Privatfirmen hinterlassen hatten, wurde zum Rückgrat der staatlichen Saatgutversorgung. In diesem fünften Teil unserer Reihe geht es um das Kombinat und das Institut für Züchtungsforschung – und um eine Epoche, die viele Quedlinburger bis heute aus ihrem eigenen Berufsleben kennen.
Die 1945/46 enteigneten oder verlassenen Großbetriebe wurden zunächst unter die Regie der Sowjetischen Militäradministration gestellt. Mit dem Befehl Nr. 58 vom 19. Februar 1946 stellte man die organisatorischen Weichen für den künftigen staatlichen Saatgutsektor.
Saatgutwirtschaft der DDR: neue Strukturen ab 1949
Bis 1949 entstanden zwei zentrale Einrichtungen. In Gatersleben begründete Prof. Dr. Hans Stubbe das spätere Zentralinstitut für Genetik und Kulturpflanzenforschung der Akademie der Wissenschaften. Zugleich übernahm die Deutsche Saatzucht-Gesellschaft (DSG) die Lenkung von Saatgutwirtschaft und Pflanzenzüchtung – ihre Zentrale saß zunächst in Berlin.
In Quedlinburg und Umgebung gingen die alten Firmen in neuen Strukturen auf:
- der DSG-Betrieb I aus der Gebr. Dippe AG
- der DSG-Betrieb II aus der Heinrich Mette Samenzucht
- der DSG-Betrieb III aus Rudolf Schreiber & Söhne
- der DSG-Betrieb IV aus dem Gut Mahndorf bei Halberstadt
- das DSG-Institut für angewandte Pflanzenzüchtung unter Prof. Dr. Gustav Becker, ab 1947 auf Basis der ehemaligen Dippe-Forschungsabteilung
Quedlinburg als Leitungssitz ab 1963
Bis Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich eine zentral gelenkte Saatgutwirtschaft der DDR. Leitung und wichtigste Betriebe hatten ab 1963 ihren Sitz in Quedlinburg. Die heute gebräuchlichsten Namen:
Das Institut für Züchtungsforschung der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften betrieb Grundlagenforschung und Neuzüchtung von Getreide-, Gemüse-, Kräuter- und Zierpflanzensorten – mit über 900 Mitarbeitern in Quedlinburg und vier Außenstellen. Leiter waren Prof. Dr. Gustav Becker (1947–1969) und Prof. Dr. Joachim Dehne (1970–1989).
Das Volkseigene Kombinat Pflanzenzüchtung und Saatgutwirtschaft war die Dachorganisation für 117 Saatzuchtgüter mit rund 110.000 Hektar Nutzfläche, 50 Zuchtstationen, 20 Handelsbetrieben sowie eigenen Berufsschulen und Kindergärten – insgesamt etwa 20.000 Mitarbeiter. Generaldirektoren: Dr. Günter Koehler (1958–1988) und Peter Neise (1988–1990).
Der VEB Saat- und Pflanzgut war als ehemaliger DSG-Betrieb der Leitbetrieb des Kombinats für gartenbauliche Arten. In Arbeitsteilung mit dem VEB Erfurter Blumensamen organisierte er Produktion, Abfüllung sowie den nationalen und internationalen Handel mit Gemüse-, Kräuter- und Blumensamen – vier Betriebsteile, rund 1.000 Mitarbeiter, letzter Direktor Kurt Hübner.
Das VEG (Saatzucht) „August Bebel“ war eines der bedeutendsten Saatzuchtgüter im Bereich des Kombinats: 2.125 Hektar Nutzfläche, davon 1.500 Hektar Vermehrungsfläche, mehrere Höfe und eine eigene Zuchtstation im Oeringer Hof. Letzter Direktor war Wulf-Bernd Miltzow.
Die vier Säulen auf einen Blick
| Einrichtung | Sitz | Dimension | Leitung |
|---|---|---|---|
| Institut für Züchtungsforschung | Neuer Weg 22–23 | über 900 Mitarbeiter, 4 Außenstellen | Becker, später Dehne |
| Kombinat Pflanzenzüchtung & Saatgutwirtschaft | Adelheidstraße 1 | 117 Güter, ~110.000 ha, ~20.000 Mitarbeiter | Koehler, später Neise |
| VEB Saat- und Pflanzgut | Neuer Weg 21–22 | 4 Betriebsteile, ~1.000 Mitarbeiter | Kurt Hübner |
| VEG (Saatzucht) „August Bebel“ | Badeborner Weg 4 | 2.125 ha, davon 1.500 ha Vermehrung | Wulf-Bernd Miltzow |
Blütezeit mit Preis
Mit diesen Dimensionen konnte das Kombinat durchaus mit großen internationalen Konzernen mithalten. Doch die zentralistische Leitung hatte ihren Preis: Gefordert war die strikte Unterordnung unter die Vorgaben von Regierung und SED-Führung. Wer sich dem widersetzte, riskierte schmerzhafte Brüche in seiner Biografie.
Trotzdem lässt sich für diesen Abschnitt von einer weiteren Blütezeit der Quedlinburger Saatgutwirtschaft sprechen – das spiegelt sich im Berufsleben vieler noch heute lebender Quedlinburger wider. Mit dem Ende der DDR fand diese Epoche ein unerwartetes Ende.

Zur Person des Forschungspioniers in Gatersleben lohnt der Blick auf Hans Stubbe. Wie aus den Strukturen des Kombinats die heutige Saatgutlandschaft wurde, zeigt der letzte Teil. Den vorigen Abschnitt findest du in Teil 4: Zwischen Enteignung und Stehvermögen.
Weiter geht es mit Teil 6: Saatgutstadt im 21. Jahrhundert.
Quelle: Wanderausstellung der IG Saatguttradition im Kultur- und Heimatverein Quedlinburg e.V. (Autor: Dr. Rolf Bielau †, Mai 2023). Verwendet werden die heute gebräuchlichsten Firmen- und Straßennamen.


