Wer durch Quedlinburg läuft, sieht Fachwerk, Stiftsberg und Welterbe. Was kaum jemand sofort erkennt: Die Quedlinburger Saatgutgeschichte steckt in fast jedem Quadratmeter dieser Stadt. Über Jahrhunderte prägte die Saatzucht in Quedlinburg Wirtschaft, Felder und Stadtbild. Bis weit ins 20. Jahrhundert war der Schlossberg von einem Kranz aus Zuchtgärten und Blumenfeldern umgeben. Der Duft von Levkojen und Violen wehte bis in die Gassen hinein. Quedlinburg durfte sich – wie Erfurt – „Blumenstadt“ nennen.
Dieser Auftakt führt dich durch die großen Linien. In sechs Teilen erzählen wir die ganze Geschichte: von den Stiftsgärten des 10. Jahrhunderts bis zu den Saatgut-Betrieben von heute. Wir stützen uns dabei auf die Ausstellung der IG Saatguttradition im Kultur- und Heimatverein Quedlinburg.
Warum Quedlinburg eine Stadt der Saatzucht ist
Saatzucht und Samenhandel bedeuteten über Jahrhunderte Arbeit und Brot für Tausende Familien – und Wohlstand für viele Unternehmer und die Stadt. In der Blütezeit finanzierten die Saatgutfirmen zahlreiche Sozialbauten und öffentliche Einrichtungen. Noch heute prägen die Stadtvillen der Saatgutunternehmer und die Areale ehemaliger Wirtschaftshöfe das Stadtbild – neben Stiftsberg und Fachwerk.
Bis um 1930 zählte man in Quedlinburg mehr als 50 Firmen in Saatzucht, Samenhandel und Jungpflanzenproduktion. Das war keine Nische, sondern ein Wirtschaftszweig von Weltrang.
Zwei Brüche: 1945 und 1990
Die Geschichte verlief nicht geradlinig. Das Jahr 1945 beendete die Glanzzeit der privaten Saatgutwirtschaft – mit Enteignungen und Flucht der großen Eigentümer. 1990 folgte der zweite tiefe Einschnitt: Märkte brachen weg, Institute und Betriebe wurden geschlossen, viele Fachkräfte verloren ihre Arbeit.
Bemerkenswert ist, was beide Brüche überstanden hat. Pflanzenzüchtung und Samenhandel haben in Quedlinburg weiterhin ihren festen Platz, wenn auch in bescheideneren Dimensionen. Zwei der führenden deutschen Wissenschaftseinrichtungen für Kulturpflanzenforschung sitzen in Quedlinburg und im nahen Gatersleben. Private Saatgutunternehmen wurden neu gegründet oder haben sich angesiedelt, Landwirte bewirtschaften einen Teil der Flächen mit Vermehrungskulturen.
Eine Stadt der Blumen und Felder
Die Quedlinburger erinnern sich an Blumenfeste, Festwagen und Blumenköniginnen – Ausdruck einer Kultur, die ganz selbstverständlich mit Saatgut und Blüten lebte. Die Blütenpracht war dabei Zuchtware: Otto Storbeck züchtete Astern – eine Spezialität, die fortlebt, denn das Quedlinburger Unternehmen satimex ist heute Weltmarktführer bei großblumigen Astern. Noch Anfang der 1990er Jahre rollte ein Festwagen der Firma Samen Mauser durch die Stadt, mit dem Banner „Quedlinburger Saatgut in aller Welt“. Die Felder rund um die Altstadt waren über Generationen Versuchs- und Vermehrungsflächen zugleich: Schon um 1750 zählte die Feldflur rund 11.000 Felder auf 6.000 Hektar, und bis heute bauen Landwirte auf einem Teil davon Vermehrungskulturen an.
Die Quedlinburger Saatgutgeschichte im Zeitraffer
Die ganze Spanne lässt sich an wenigen Eckdaten ablesen. Sie zeigt, wie aus einer klösterlichen Versorgungsaufgabe ein Wirtschaftszweig von Weltrang wurde – und wie er zwei politische Umbrüche überstand:
| Zeit | Was geschah |
|---|---|
| 10. Jahrhundert | Stiftsgärten unterhalb des Burgberges – der Ursprung |
| 1770–1830 | Gründerjahre: Mette, Ziemann, Grashoff, Kettenbeil, Rögner |
| ab 1834 | Erste Zuckerfabrik – der Rübensamen-Boom beginnt |
| bis 1930 | über 50 Firmen in Saatzucht, Handel und Jungpflanzen |
| 1945 | Ende der privaten Glanzzeit, Enteignungen |
| 1963–1990 | Quedlinburg als Sitz der zentralen DDR-Saatgutleitung |
| ab 1992 | Bundesanstalt für Züchtungsforschung, ab 2008 das JKI |
| 2017 | Gründung der IG Saatguttradition |
Wer die Tradition heute pflegt
Seit ihrer Gründung 2017 setzt sich die IG Saatguttradition das Ziel, die Bedeutung von Saatzucht und Samenhandel wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – und die Arbeit jeder Generation von Mitarbeitern angemessen zu würdigen. Wer die Geschichte vor Ort erleben will, folgt dem Quedlinburger Züchterpfad, dessen geschnitzte Zentralinsel mitten in der Stadt an die Saatgut-Vergangenheit erinnert. Mehr dazu findest du beim Kultur- und Heimatverein Quedlinburg.
Die Reihe im Überblick
In den nächsten fünf Teilen gehen wir chronologisch in die Tiefe:
- Teil 2 – Die Wurzeln: Vom Stiftsgarten zur Samenhandlung (10. Jahrhundert bis 1830)
- Teil 3 – Die Glanzzeit: Als Quedlinburg die Welt mit Samen versorgte (bis 1945)
- Teil 4 – Nach dem Krieg: Privatbetriebe zwischen Enteignung und Stehvermögen
- Teil 5 – Die DDR: Das Kombinat und das Institut für Züchtungsforschung
- Teil 6 – Neubeginn: Saatgutstadt im 21. Jahrhundert
Als junges Saatgut-Unternehmen aus Quedlinburg stehen wir bei gutmut saatgut selbst in dieser langen Tradition. Diese Reihe soll unsere Bewunderung und unseren Respekt für die reichhaltige Geschichte ausdrücken.
Begib dich mit uns auf die Zeitreise – weiter geht es mit Teil 2: Die Wurzeln der Quedlinburger Saatzucht.
Quelle: Wanderausstellung der IG Saatguttradition im Kultur- und Heimatverein Quedlinburg e.V. (Autor: Dr. Rolf Bielau †, Mai 2023).


