Gebrüder Dippe und die Glanzzeit der Quedlinburger Saatzucht

Es gab eine Zeit, da deckte die Firma Gebrüder Dippe Quedlinburg rund 12 Prozent des Weltbedarfs an Zuckerrübensamen. Die Saatzucht in Quedlinburg war bis 1945 kein lokales Gewerbe mehr, sondern ein Exportgeschäft von Weltrang. In diesem dritten Teil unserer Reihe schauen wir auf die Glanzzeit – und auf ihre Schattenseiten.

Der wirtschaftliche Aufstieg ab der Mitte des 19. Jahrhunderts war in Quedlinburg eng mit dem Aufblühen der Saatgutwirtschaft verbunden. Das aufstrebende Bürgertum verlangte nach feineren Gemüsearten, Gewürzkräutern und Blumenschmuck, die Zuckerindustrie nach Rübensorten mit hohem Zuckergehalt. Bessere Verkehrswege erleichterten den überregionalen Versand. All das heizte Züchtung und Vermehrung an.

Rund 50 Betriebe – und der Weltmarktführer Gebrüder Dippe Quedlinburg

Bis 1930 entwickelten sich in Quedlinburg etwa 50 Saatzucht- und Vermehrungsbetriebe. Die schlagkräftigsten engagierten sich stark in der profitablen Zuckerrübenzüchtung und bearbeiteten zugleich die gesamte gärtnerische Kulturpalette.

Verladung von Rübensaatgut der Gebr. Dippe Quedlinburg am Bahnhof Oschersleben
Verladung von Rübensaatgut der Gebr. Dippe am Bahnhof Oschersleben – Saatgut aus Quedlinburg ging in die ganze Welt.

Herausragend war Gebrüder Dippe (1850–1945) – die bedeutendste und innovativste Saatzuchtfirma Quedlinburgs, zeitweise sogar Europas. Die Firma exportierte weltweit, deckte etwa 12 Prozent des Weltbedarfs an Zuckerrübensamen und unterhielt die erste private Forschungsabteilung der Branche.

Die Zugpferde der Branche

Neben Dippe wirkte eine ganze Reihe anderer namhafter Unternehmen. Sie teilten sich das gärtnerische Sortiment auf, von der Zuckerrübe über Gemüse bis zu Astern und Dahlien. Gründungs- und Aufgabejahr weichen je nach Quelle leicht ab:

FirmaZeitSchwerpunkt
David Sachs (ab 1937 Rudolf Schreiber & Söhne)1878–1945Gemüse, Blumen – drittgrößte Firma am Ort
Andreas Keilholz1822–1882Zuckerrübe (neben Mette führend)
Carl Sperling1845–1948alle gärtnerischen Arten, Marke „Sperli“
Friedrich Roemer1851–1956Violen, Zierpflanzen
H. Wehrenpfennig1876–1956größter deutscher Jungpflanzenanbieter
Gebr. Teupel1895–1969Topfpflanzen, Jungpflanzen
Pape & Bergmann1889–1947Dahlien, Samenhandlung
Carl Beck1894–1952Futter-, Zuckerrüben, Gemüse
Otto Storbeck1904–1972Astern, Blumen, Gemüse
P. J. Schmidt1927–2015breites Sortiment über drei Epochen
Hermann Hake1931–1972Gemüsekulturen

Die stärksten dieser Firmen vermehrten und exportierten weltweit. Sie suchten Anschluss an die junge Agrarforschung und investierten in eigene Labore zur Saatgutuntersuchung. Daneben gab es eine ganze Reihe kleinerer Samenbau- und Jungpflanzenbetriebe mit jeweils eigener Spezialisierung.

Innenansicht Züchtungsinstitut Dippe Quedlimburg am Haupthof, Neuer Weg
Das Züchtungsinstitut der Gebr. Dippe am Haupthof – die erste private Forschungsabteilung der Branche.

Wohlstand mit Schattenseiten

Mit dem Aufblühen fanden immer größere Teile der Bevölkerung dort ihren Broterwerb. Die Unternehmerfamilien erwarben zum Teil bedeutende Vermögen – und finanzierten neben ihren Villen auch Betriebswohnungen wie die „Dippe-Häuser“ sowie kommunale Bauten wie Turnhallen oder das Säuglingsheim „Dippe-Stift“.

Doch das Bild hat dunkle Seiten. Zu den Kehrseiten des Erfolgs gehörten niedrige Löhne, Kinderarbeit und die Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte während der Weltkriege. Das „Gurkenmauscheln“ – das Aussortieren von Saatgut – war eine typische Kinderarbeit.

Gurkenmauscheln – Kinderarbeit bei der Firma Dippe am Haupthof, Neuer Weg
Gurkenmauscheln bei Dippe: Das Aussortieren von Saatgut war eine typische Kinderarbeit – eine Schattenseite der Glanzzeit.

Das Ende der privaten Glanzzeit

1945 endete diese Ära abrupt. Mit dem Kriegsende und der folgenden Umgestaltung der Wirtschaft brach die private Saatgutwirtschaft in Quedlinburg zusammen. Ab Sommer 1945 lag die Stadt in der Sowjetischen Besatzungszone; unter der Sowjetischen Militäradministration begann ein radikaler Umbau der Wirtschaftsstrukturen. Viele Eigentümer der großen Firmen verließen Quedlinburg gleich nach dem Potsdamer Abkommen fluchtartig – oft unter Mitnahme ihres wertvollen Zuchtmaterials. Betriebe mit mehr als 100 Hektar Fläche wurden enteignet. Die klangvollen Firmennamen, die einst Kataloge in halb Europa füllten, wurden zu Geschichte.

katalog-1934.pngTitelseite eines Samenkatalogs der Firma H. Wehrenpfennig von 1934
Katalog-Titel von H. Wehrenpfennig (1934) – der größte deutsche Jungpflanzenanbieter warb weit über die Region hinaus.

Mehr zur Geschichte der innovativsten Firma der Stadt liefert der Eintrag zu den Gebrüdern Dippe. Wie es nach 1945 mit den verbliebenen Familienbetrieben weiterging, liest du im nächsten Teil. Den Anfang der Reihe findest du in Teil 2: Die Wurzeln der Quedlinburger Saatzucht.


Weiter geht es mit Teil 4: Zwischen Enteignung und Stehvermögen.

Quelle: Wanderausstellung der IG Saatguttradition im Kultur- und Heimatverein Quedlinburg e.V. (Autor: Dr. Rolf Bielau †, Mai 2023). Jahr der Gründung und Aufgabe je nach Quelle abweichend.

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