Nach 1945 änderte sich für die Saatgutbetriebe in Quedlinburg alles. Ab Sommer 1945 setzte die Sowjetische Militäradministration in der Besatzungszone eine radikale Umgestaltung der Wirtschaft durch, ab 1949 führte die DDR-Regierung sie fort. Dieser vierte Teil unserer Reihe erzählt, wie aus stolzen Familienunternehmen erst Enteignungsfälle und schließlich Volkseigentum wurde – und wer dem Druck am längsten standhielt.
Die Eigentümer der großen Firmen verließen Quedlinburg meist gleich nach dem Potsdamer Abkommen – oft fluchtartig und nicht selten unter Mitnahme ihres wertvollen Zuchtmaterials. Betriebe mit mehr als 100 Hektar Fläche oder mit vermuteter beziehungsweise tatsächlicher NS-Verstrickung der Eigentümer wurden enteignet.
Saatgutbetriebe in Quedlinburg: der Weg ins Volkseigentum
Die kleineren Saatgutunternehmen durften zunächst weiterwirtschaften. Doch der staatliche Druck nahm zu, und bis 1972 wurden sie schrittweise in „Volkseigentum“ überführt. Einige Besitzer verließen die DDR, andere brachten ihre Erfahrung als Mitarbeiter in die staatlichen Betriebe ein.
1972 erfolgte die endgültige Übernahme: entweder in das Volkseigene Gut Saatzucht „August Bebel“ oder in den Volkseigenen Betrieb Saat- und Pflanzgut Quedlinburg. Manche Wirtschaftshöfe existierten als Betriebsteile dieser Staatsbetriebe noch bis 1990.
Für die betroffenen Familien war das ein doppelter Verlust: Mit dem Betrieb ging oft auch das über Generationen aufgebaute Zuchtmaterial in fremde Hände – jenes Wissen in Form von Saatgut, das den eigentlichen Wert eines Saatgutunternehmens ausmacht. Wer blieb, fand sich als Angestellter im eigenen früheren Betrieb wieder.

Zwei Betriebe mit besonderem Stehvermögen
Nur zwei Saatgutunternehmer brachten so viel Stehvermögen auf, dass sie ihren Familienbetrieb über 1972 hinaus privat führen konnten:
- Martin Grußdorf als Inhaber der Firma A. Grußdorf – die Familie hatte 1866 das Geschäft von Martin Grashoff übernommen, führte es ab 1930 unter eigenem Namen und gab es um 1980 altersbedingt auf.
- Gerhard Schmidt als Inhaber von P. J. Schmidt – 1926 gegründet, erlosch die Firma erst nach seinem Tod 2015. Damit war sie das einzige Quedlinburger Saatgutunternehmen, das in allen drei politischen Systemen des 20. Jahrhunderts agierte.
Die letzten privaten Kataloge
Weitere bekannte Privatfirmen dieser Zeit waren unter anderem Friedrich Roemer, H. Wehrenpfennig, Gebr. Teupel, Pape & Bergmann, Carl Beck, Hermann Hake und Otto Storbeck. Auch Carl Sperling (1845–1948) gehört hierher: Er hatte das großväterliche Geschäft von S. L. Ziemann übernommen und führte es nach 1948 in Bevensen bzw. Lüneburg weiter. Heute lebt nur noch der Markenname „Sperli“ fort.
Die verbliebenen Firmen züchteten eigene Gemüse- und Blumensorten und verkauften zusätzlich die Sortimente anderer privater Züchter und der staatlichen Betriebe. Dazu gaben sie in kleinem Umfang eigene Kataloge und Preislisten heraus. Einige Saatgutanbieter führen sogar noch heute alte Quedlinburger Sorten.
Genau diese Kataloge und bedruckten Samentüten sind heute kleine Zeitdokumente. Sie zeigen, welche Sorten die Stadt einst prägten, und sie tragen die Handschrift von Familien, deren Namen sonst kaum noch jemand kennt. Wer sie aufbewahrt, bewahrt ein Stück lebendige Saatgutgeschichte.
Was geblieben ist
Nach der Betriebsaufgabe wurden viele Gebäude umgenutzt – oder sie verfielen. Einige warten bis heute im Dornröschenschlaf auf Investoren. Die Grabsteine der Protagonisten dieser Saatgutunternehmen finden sich zum Teil noch auf den Quedlinburger Friedhöfen. Ehemals klangvolle Firmennamen sind heute Geschichte – aber eine, die es zu bewahren lohnt.
Wie der parallele staatliche Sektor in der DDR organisiert war, zeigt der nächste Teil. Mehr über die Stadtgeschichte findest du beim Kultur- und Heimatverein Quedlinburg. Den Beginn der Reihe gibt es in Teil 3: Als Quedlinburg die Welt mit Samen versorgte.
Weiter geht es mit Teil 5: Das Kombinat und das Institut.
Quelle: Wanderausstellung der IG Saatguttradition im Kultur- und Heimatverein Quedlinburg e.V. (Autor: Dr. Rolf Bielau †, Mai 2023).


